Eine spektakuläre Bergstrasse

Die kalte Fahrt ging weiter. Diesmal mit sehr viel Glück. Denn der Aursjovegen, eine 100 km lange Strecke über die Berge war eingespeichert und davon sind 50km reine Naturstraße. Wie wir schon früher bemerkt haben, wäre diese Straße bei Regen nicht möglich gewesen. Die Naturpiste würde sich rasch in eine lehmige Schleimspur verwandeln und das wäre, abgesehen vom geringen Fahrspass, auch gefährlich mit dem schweren Bock. An die Kälte haben wir uns scheinbar schon gewöhnt. Eine unglaublich schöne Landschaft, großteils unbewohnt und karg säumte unseren Weg. Beim Aurstaupet auf 947m gibt es ein ungesichertes Felsplateau (ich sag – klein Preikestolen) mit Blick ins Eikelsdal. Dieses Abenteuer ist nur für Schwindelfreie zu empfehlen, daher zog ich es vor, mir den Weg da runter zu sparen und blieb beim Motorrad. Ich dachte, der Bock-Chef würde voll begeistert mit einer Menge Fotos von dort zurück kommen. Nein, es war doch nicht ganz so spektakulär, wie in dem Norwegenbuch beschrieben. Abgehakt und weiter ging die kalte Fahrt durch ein paar alte unbeleuchtete Spiraltunnels zum nächsten Highlight.

Noch ein Wasserfall

Eine genaue Zahl an Wasserfällen lässt sich in Norwegen nicht beziffern, aber unbestritten ist es das wasserfallreichste Land Europas. Auf unserer Tagesroute lag der Mardalsfossen. Die komplette Fallhöhe beträgt 750 m, der Mardalsfossen ist einer der höchsten Wasserfälle Europas mit 297 m freiem, lotrechtem Fall auf den oberen Absatz. Gespeist wird der Mardalsfossen aus dem 945 m hoch gelegenen See Mardalstjønna. Der Wasserfall wird auch zur Stromgewinnung verwendet. Dafür wird das Wasser umgeleitet. Nach heftigen Protesten der Bevölkerung stürzt nun im Zeitraum zwischen 20. Juni und 20. August wieder ein Teil des Wassers in die Tiefe. Zurück von unserer Wanderung begann es schon wieder zu pieseln, dann nichts wie weiter zur Pension, die unweit vom Mardalsfossen lag. Wir hatten das Glück, dass wir von unserem Balkon den Wasserfall nochmals gut sehen konnten.

Neuer Tag neues Glück

Ja, genau so hatten wir uns das vorgestellt. Was für ein Glück! Endlich wieder Regen und Gott sei Dank auch gleich am Morgen. Voller Freude sprangen wir in unsere gelben Rüstungen. Es geht nichts über Fahrtage im Regen, vor allem wenn man zu einem Highlight der Norwegen-Reise unterwegs ist. Die Fischerhäuser im Hafen von Bud nahmen wir fototechnisch auch gleich mit. Fast traurig meinte der Bock-Chef, dass er ein Foto gesehen hat, wo sich die Häuser bei Sonnenlicht im Wasser gespiegelt hätten. Kein Problem, auch bei Regen lässt sich eine probate Aufnahme zustande bringen.

Neugierig und aufgeregt näherten wir uns dem ersehnten Highlight. Rauf und runter und wieder zurück und nochmals über die frei tragende Storseisundet Brücke, das ist es, was wir vor hatten. Die Atlantic Road Bridge ist mit ihrem speziellen Twist ein architektonisches Meisterwerk. Tausende Male hatten wir das Bild von dieser Brücke schon gesehen. Jetzt waren wir da, jetzt gehörte sie uns ganz alleine, abgesehen von den unzähligen Wohnmobilen und sonstigen Fahrzeugen, natürlich waren da auch andere Motorradfahrer. Aber das war uns in dem Moment egal. Wir waren da und das war das, was zählte. Was stand da in der Beschreibung: Die Fahrt auf der Atlantikstraße ist die schönste Motorradfahrt der Welt. Die Atlantic Road gehört zu den Nationalen Touristenstraßen in Norwegen, und die gesamte Strecke zwischen Bud im Westen und Kristiansund im Osten ist ein zusammenhängendes Erlebnis von Küste, Kultur und Geschichte. Die Kontraste zwischen einer Fahrt bei glatter See und glitzernder Sonne oder tosenden Wellen und nordwestlichem Sturm sind unbeschreiblich. Sie sollten sich Zeit lassen und diese Landschaft mit allen Sinnen genießen. Die Erlebnisse auf beiden Seiten der Atlantikstraße sind Erinnerungen fürs Leben! Ein Waschlappen, der das geschrieben hat! Tsa, tsa, bei Schönwetter!! Mit dem Motorrad bei sauschlechtem Regenwetter, schlechter Sicht, nasser Straße, das ist ein Erlebnis und das sind echte Erinnerungen.

Bis Kristiansund kämpften wir uns trotz der Widrigkeiten tapfer durch. Die Landschaft versteckte sich im Nebel. Waschelnass kamen wir im Hotel an. Das ist das wahre Bikerleben, das wir so lieben. Mit triefendem Gewand in der Hotel-Lobby zu stehen und den Reisepass aus der untersten Schicht, die noch trocken war, raus zu holen, das macht so richtig Spass. Eine giftig schauende Trollin mit violetten Haaren, in Erfüllung ihrer Pflicht, zappelte ungeduldig hinter dem Tresen. Gastfreundlicher wäre es gewesen, wenn wir uns vorher unserer gelben Rüstung entledigen hätten dürfen, nein, Pflichterfüllung stand ganz groß auf ihrer Stirn geschrieben. Nun denn, wir waren angekommen und hatten noch etwas Zeit einen Eindruck von Kristiansund im Regen mitzunehmen. Die Sundbåten (Hafenfähre) ist seit über 142 Jahren „das Herz der Stadt“ und hat mehr als 130 Millionen Passagiere über den Hafen befördert. So eine Hafenfahrt liessen wir uns nicht entgehen. Der Landesteg lag gleich um die Ecke beim Dodeladen, dem ehemaligen Zollamt, später Zentrale der Sterbeversicherung. Wenn ihr euch fragt, warum da auf dem Zaun „Tahiti“ steht, so hat da eine historische Bewandtnis. Tahiti ist der beliebte Spitzname für den Stadtteil Innlandet, das älteste und kleinste der vier „Länder“ (Inseln), aus denen Kristiansund besteht. Der Name entstand während der Blütezeit der Segelschifffahrt, als reger Handel mit exotischen Waren und das geschäftige Treiben dem Viertel eine südländische Atmosphäre verpassten.

Zurück von unserem Sundbaten-Ausflug stürmten wir den Dodeladen, der heute ein schickes Kulturcafe und Restaurant ist und gönnten uns ein überaus köstliches Abendessen. Natürlich mit Bier!

Mal sehen, wie die feuchte Fahrt weiter geht. Wetterbesserung ist kaum in Sicht.

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Ami & Pi

Ami + Pi reisen gemeinsam mit einer BMW GS 1200 Adventure seit 2013. Auch mit 66+ ist noch lange nicht Schluss.

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