Was für eine Fahrt! Wenn Wasser zum Spiegel wird! Schon wieder war an Weiterkommen nicht zu denken. Am Morgen unserer Abreise aus Vassenden lagen die Fjorde spiegelglatt in ihren Becken und die Berge erstreckten sich nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Tiefe. Fast konnte einem bei dem Blick ins Wasser schwindlig werden. Unglaubliche dreidimensionale Gebilde zogen an uns vorbei und die Welt stand Kopf.

In Norwegen gibt es so viele Rastplätze, die mit Tischen, Bänken und Abfallbehältern ausgestattet sind. Es wundert mich nicht, es sind gefühlt nur Wohnmobile und Motorradfahrer auf den Landstrassen unterwegs. Jeder möchte ein schönes Picknick-Plätzchen in unberührter Landschaft für einen Augenblick für sich alleine haben. Diesmal waren wir die Ersten! Zwischen zwei rauschenden Wasserfällen, viel frischer Luft und saftigem Grün liess es sich gut entspannen und die mitgebrachten Gulrots knabbern. Gestärkt und voller Freude steuerten wir die 27 km lange Gamlestrynefjellsvegen Schotterpiste an. Am 14.6. war sie erst für den Verkehr geöffnet worden. Kein Wunder, es war noch ziemlich winterlich da oben auf 1.139m. Entweder haben wir uns schon daran gewöhnt oder es fühlen sich hier kühle Temperaturen wärmer an. Hmmm, ich werde das weiter beobachten!

Ein paar Kilometer weiter

Noch ein Stück weiter und schon wartete ein weiteres Highlight auf uns. Vom höchsten Fjordausblick auf 1.500m kann man den Geirangerfjord sehen, eines der beliebtesten Ziele in Norwegen. Die Skywalk-Plattform am Dalsnibba sorgt bei jenen, die es brauchen, für Nervenkitzel.

Diesmal stiegen wir ganz nobel in einem Hotel mit Geschichte ab. Das Utsikten Hotel – Hotel zu schönen Aussicht – wurde 1893 von Edvard Hole erbaut. Bereits 1869 kamen die ersten Besucher nach Geiranger. Unter ihnen waren britische Botaniker und Künstler, die sich von den Wasserfällen und vom Licht in den Bergen angezogen fühlten. Geiranger war bis zur Eröffnung der Straße nach Skjak 1889 ein abgeschiedenes Dorf, das nur mit dem Boot zu erreichen war. Mit der Erreichbarkeit änderte sich alles. Tourismus begann sich zu etablieren und die ersten Europäischen Elite Reisegesellschaften kamen an. Das Hotel beherbergte Könige und Forscher und die It-Gesellschaft von damals. Das Haus präsentiert sich stilvoll im elegantem Design, dennoch ist die Geschichte der Generationen lebendig und zu fühlen. Die Lage in der Kurve bietet einen einzigartigen Ausblick auf den Geirangerfjord. Auch wenn sich heutzutage die Campervans, Touristenbusse, Radfahrer und die Motorräder gefährlich um die Kurve winden, im Hotel findet man Ruhe und eine entspannte Atmosphäre.

Abschied von Geiranger

Ein magischer Ort dieser UNESCO-Weltnaturerbe – Geirangerfjord. Kein Wunder, dass er von den Touristen so begehrt ist. Ein jeder möchte in seiner Erinnerung ein Stückchen dieser Natur-Legende mitnehmen. Kreuzfahrtschiffe spucken jährlich in den Sommermonaten an die 700.000 Tagesgäste aus, dazu kommen noch 200.000 an Durchfahrtstouristen dazu. Normalerweise leben 250 Personen in Geiranger; im Sommer kann die Zahl auf 2000 ansteigen. Für die Landschaft ist es nicht gut und für die Einheimischen wird es auch immer schwieriger mit dem Over-Tourismus umzugehen.

Wieder an den Nationalen Touristenrouten angekommen, machten wir beim Rasteplass Gubrandsjuvet halt. Wahrscheinlich war wegen dem leichten Nieselregen und den vielen schwarzen Wolken wenig Verkehr. Ja aber was ist an dem Platz so bemerkenswert? Er gehört zu dem Projekt der Norwegischen Straßenverwaltung. Eine bemerkenswerte sich harmonisch in der Umgebung einfügende Landschaftsarchitektur wurde hier von Jensen & Skodvik errichtet. Im Kaffeehaus geniesst man köstliche Zimtschnecken (Zimtschnecken muss man in Norwegen gegessen haben) in dezent abgegrenzten Bereichen mit Blick auf den Wasserfall. Bei der ganzen Gubrandsjuvet-Anlage sollte man unbedingt auch die Toilette besuchen. Die Blechtüren geben kurz ein Rätsel auf, wo sie denn zu öffnen sind (leider kein Foto). Mein Fazit: Gubrandsjuvet Rasteplass ist eine absolut tolle Architektur. Und der Rhabarberkuchen ist auch nicht zu verachten.

Das nächste Highlight war schon in Sicht (oder auch nicht)

Ich dachte immer, wer mit dem Motorrad nach Norwegen fährt, fährt zum Nordkap. Das stimmt gar nicht, die meisten kommen wegen dem Trollstigen und dann fahren sie wieder zurück. Das ist scheinbar die absolute Muss-Strecken in Norwegen. Die 11 Kehren mit einer Steigung von 12% führen auf 700m (450m Höhenunterscheid) auf die Passhöhe. Die Strasse ist schmal und an manchen Stellen nur einspurig befahrbar, was eine besondere Herausforderung ist. Denn zahlreiche Wohnmobilisten und Autobussen fahren unerschütterlich die Strasse rauf oder runter. So mancher Motorradfahrer ist da schon verzweifelt, wenn er/sie so ein riesiges Monster in der Kurve vor sich hatte oder entgegen kam. Wir kamen ja von der Hochebene zum Besucherzentrum und zur Aussichtsplattform. Wolkenberge stiegen gerade aus dem Tal auf und plötzlich war alles im Nebel. Nach einer halben Stunde klärte es auf. So, nun konnte unser Trollstigen-Abeteuer beginnen. Glücklicherweise war Mittagszeit, was auch immer gut ist, weil da die Leute beim Essen sitzen. Verwöhnt durch die Großglockner Hochalpenstrasse mit seinen 36 Kehren, wäre der Trollstigen nur ein Mini-Vergnügen gewesen. Daher wenn schon Trollstigen, dann ordentlich. Einmal runter, einmal rauf und nochmals runter = 33 Kehren. Schön war’s.

Danach ging es eine ganze Weile recht langweilig gerade aus bis wir in der Nähe von einem Skicentrum nahe Ransverk unser nächstes Basecamp aufschlugen. Ein richtiger Ruhetag wurde in Aussicht gestellt und eine Fortsetzung der spektakulären Rasteplass-Bauten sowie Kunstwerke in den Bergen. Neugierig? Ja!

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Ami + Pi reisen gemeinsam mit einer BMW GS 1200 Adventure seit 2013. Auch mit 66+ ist noch lange nicht Schluss.

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